Pazifische Kurzgeschichte, Teil eins…

Donnerstag, 24. Mai 2018    Elma RV Park WA

Bei Centralia WA finden wir nach den ersten alternativlosen 100 Meilen auf der Interstate 5 dann glücklicherweise die Harrison Ave. Sie geht hinter der Stadt in den Old Hwy 99 SW über und verläuft durch eine bezaubernde Landschaft parallel zum Freeway.
Der Name besagt schon, dass er sich von Südost nach Nordwest oder umgekehrt, jedenfalls in die von uns gewünschte Richtung bewegt.

Wenn sich jetzt nur was bewegen würde!

Die Störung ist die typisch US-amerikanische Prägung einer größeren Straßenbaustelle:

Das Schild Roadwork Ahead zeigt es als Erstes vorwarnend an.
Dann folgt der nächste Fingerzeig: Double fine at Roadwork area.
Weiter geht’s mit Prepare to Stop – One lane traffic.

Wir stehen und warten – Es dauert länger, denn diese Baustelle ist mindestens eine Meile lange – kein Slow man in Sicht…

Endlich kommt der „Lotse“ aus der entgegenkommenden Richtung und nimmt uns mit…

Die normale Art der Verkehrsführung bei kürzeren Straßenbaustellen erfolgt nämlich durch, wie schon oben angedeutet und wie wir sie nennen: Slow men – in Walky-Talkykontakt stehende, Schilder drehende – auf der einen Seite steht Stop! und auf der anderen Slow!, in leuchtendem Gelb oder Orange gekleidete BauarbeiterInnen, meist Sonnenbrille, Mund-, Nackenschutz und Helm tragend, die unserem Eindruck nach einen wesentlichen Bestandteil der „Arbeitenden“ auf einer Baustelle ausmachen.

Während der hiesigen Wartezeit von mehr als 10 Minuten geht mir was durch den Kopf…

Horst ;-), so heißt der einzige wirklich körperlich arbeitende Mensch auf einer in Deutschland bekannten Ansichtskarte, an die ich mich bei dieser Gelegenheit erinnere.
Die dort so wichtig erscheinenden Projektmanager, Entwicklungsmanager, Human Resources Manager, PR Manager, Logistic Manager, Communication Manager, IT-Manager und last but not least der Security Manager unterstützen Horst.
Hier sieht es an den Baustellen kaum anders aus…

…und nicht zu vergessen: diverse BUMP!-Schilder:
Achtung- Schlagloch oder Unebenheit signalisierend, unserer Erfahrung nach dazu dienend, jedesmal kurz vor ihnen, mindestens in den zweiten Gang runter zu schalten!

Elma RV Park ist heute unser Schlafplatz und verschafft uns aufgrund unserer Passport America Mitgliedschaft mit 50%igem Discount einen sparsamen Übernachtungspreis von $ 20.50!

Darüber hinaus liebe ich die homemade chocolate cookies zur Begrüßung.
Die Dame aus dem Office holt mir ohne Aufforderung noch einen zweiten Beutel frischer, noch warmer Kekse aus der Küche…

Wir stehen zwar etwas eng in einer dieser „Boxen“, aber als Ausgangsplatz für unsere Fahrt an den Pazifik und um in Washington erst mal anzukommen, ist Elma RV Park unschlagbar.

Am Samstag, 27. Mai 2018 fühlen wir uns wieder fit und in der Lage, uns neugierig auf den Weg zu machen nach

Westport, WA

Es sind gute 60 km… Für Einheimische um die Ecke.
Für uns ein veritabler Tagesausflug an den „gegenüber“ liegenden, so fremden und trotzdem einfachen: Ozean und dort auf eine leicht in das Meer hinausragende Halbinsel mit vielen Angeboten für Wochenend- und Feriengäste.

Kurtaxe, Strandkörbe, Promenaden und gesetzlich vorgeschriebene Korrektheit – erscheinen nicht nur wegen der Entfernung zu Deutschland – allerdings undenkbar.
Wir werden diese einzigartige Atmosphäre von Westküstenkultur: Freiheit, Unabhängigkeit, Unkonventionalität, Leichtigkeit, Individualität einerseits sehr vermissen und andererseits: Wir müssen/wollen ja auch wieder zurück!
Manchmal ja, manchmal nein…

Und das alles an einem Samstag!

Hunger!
Bei Merino’s Seafood Outlet soll es die beste Clam Chowder der Stadt, einen Eintopf aus Venusmuscheln, Kartoffeln, Zwiebeln, Speck und diversen Kräutern, mit Sahne verfeinert, geben!

Wir sind begeistert: Es schmeckt besonders draußen an der frischen Luft sehr lecker.

Um die Ecke weht am Leuchtturm von Westport das unübersehbare Symbol der USA „Stars and Stripes“, das in der Nationalhymne „Star-spangled Banner“ besungen wird. Wir verstehen diese Alltags-Euphorie über Flagge und Hymne, die uns immer wieder begegnet, nicht. Manchmal erscheint sie uns, wie hier, übermächtig, unantastbar, vielleicht der sichtbarste Ausdruck für diesen uns immer wieder begegnendem Zwang „to be Number One – America first“

Westport Winery

Auf der Rückfahrt liegt diese Weinkellerei, -hier???, Ja wirklich, nur zehn Kilometer landeinwärts von der pazifischen Küste- nicht nur eine Weinkellerei kurz vor dem Ozean, sondern ein Beispiel außergewöhnlichen Geschäftssinns neben einer scheinbar menschenleeren Straße.

Ein Blick auf die Geschichte der Winery, das auf der Garden Map unten beschrieben wird zeigt, welche Kreativität und Überzeugungsenergie die Familie Roberts 2007 mitbrachte, als sie das brachliegende Land kauften…

Ich hatte Gelegenheit, in dieser herrlichen Atmosphäre Bocce zu spielen, der ursprünglich italienischen Variante des Petanque… Zufall?

Nein, unser Besuch dieses außergewöhnlichen Gartens mit Bocce-Bahn ist zurückzuführen auf die im Internet von mir gefundene Notiz, dass man hier „Kugeln schmeißen“ kann…

Wir erinnern uns gerne an diesen Tag mit so viel Leichtigkeit, Freude, bunter Lebenslust und herrlicher Natur und fahren am

Sonntag, 28. Mai 2018 weiter.

Unsere nächste Großstadt liegt im Grunde genommen gleich um die Ecke und doch nicht so einfach zu erreichen, wenn wir mit unserem Wohnmobil nicht mitten hinein ins Gewühl dieser Seattle-Metropole wollen.
Vero hat sich, wie immer in Vorbereitung auf solche spannenden Ereignisse ein raffiniertes Vorgehen für kleinstädtische deutsche Campingreisende ausgedacht.
Wir sind unterwegs auf die nächste Insel:

Bainbridge Island –

westlich von Seattle am Puget Sound gelegen, ist für uns mit seiner Fährverbindung direkt nach Downtown Seattle ein idealer Ausgangspunkt zur Erkundung dieser größten Stadt des Nordwestens der USA.

Aber noch ist es nicht so weit –
wir freuen uns des üppigsten Ginsters, den wir jemals gesehen haben.
Die Straßengräben an der Coté Azur am Mittelmeer in Frankreich können sich damit zwar auch sehen lassen, aber die Blüten hier scheinen von den hiesigen Sonnenscheinverhältnissen, gemischt mit der richtigen Menge Feuchtigkeit, derart genmanipuliert zu sein, dass von den Stengeln, aus denen sie herauswachsen, kaum noch etwas zu sehen ist.

Wie gut, dass wir uns für heute,

Sonntag, den 28. Mai 2018

in den Camping des Fay Bainbridge Park rechtzeitig eingebucht haben.
Es ist Wochenende und Ferienzeit, der Strand leert sich nur ganz allmählich, als wenn alle Gäste gar nicht mehr nach Hause wollen.

Site #13 liegt, mit unserem Namensschild versehen, für die nächsten vier Tage nur 100 Meter vom Wasser entfernt. Wir sind vom ersten Moment des Hierseins verzaubert von dieser fast romantisch zu nennenden Atmosphäre und gönnen uns nach Stromanschluss und „Leveln“ des Autos einen ersten Spaziergang am Strand, der sich in der Zwischenzeit fast zu unserem Privatbesitz zurückentwickelt hat.

Es geht uns mal wieder so wie schon des öfteren: Wir können die Empfindungen unseres Hierseins nur über Bilder vermitteln. Worte sind dafür schon in vergangenen Beiträgen unseres Blogs oft gesagt.

Ich versuch’s doch noch mal:

Wir sind auf eine solche, für mich fast grausame, Stille nicht vorbereitet. Zumal nur, vielleicht 20 Kilometer entfernt, auf der anderen Seite des Sunds, eine Millionenstadt herumströmen soll.
Selbst die Möwen lassen sich in ihrer Suche nach Futter von uns nicht stören. Sie scheinen sich hier an die verhängnisvollen Sandwiches von Touristen noch nicht gewöhnt zu haben. Wir finden unseren stillen Platz neben ihnen.

Die wassergewaschenen Reste der Zedernbäume liegen unberührt herum, nur wenig kleines Holz eignet sich für unser abendliches Campfire. Zum Anzünden eignet es sich hervorragend.

Das letzte Licht des Abends legt noch einmal die gegenüberliegenden Berge der Rocky Mountains mit ihren vom letzten Winter zurückgebliebenen schneebedeckten Gipfeln frei.

behind the mountains…