Ostküsten-Blues

Samstag, den 5. Oktober 2019

Wir kurven auf dem Weg nach Branchville, New Jersey gemächlich up and down mitten durch „Redneck-Country“.
So sieht es hier wirklich aus:  Im wahrsten Sinne des Wortes abgelegen, kurvig, arm, waldreich,  vernachlässigt, verstohlen, liegen gelassen, verlottert und wegen der „vergessenen“ Infrastruktur eher menschenleer.
Vor allem arme, weiße Menschen, auf die (so erklärte es mir mein Freund Ed, der zu Sommerzeiten in New Jersey ganz hinten im Westen in der Nähe des Delaware Rivers lebt) wegen ihrer beschissenen Lebens- und Arbeitsverhältnisse die Bezeichnung „Rednecks“ zutrifft.

Wir sehen aber auch, dass sich auf einzelnen Flecken, besser, professionell gepflegten Grundstücken, noch besser, Terrains oder Domänen, auch offensichtlich Privilegierte zu erkennen geben. Reichtum wird hier nicht versteckt, sondern eher als Belohnung für ein hartes Arbeitsleben, dazu gehören auch erfolgreiche Aktien- und Glücksspielgeschäfte, betrachtet.

So ist das hier also…

Immer wieder überraschen uns alltägliche und doch außergewöhnliche Ereignisse des Lebens, können sie uns aber nicht immer aussuchen:
Heute begegnet uns ein von hunderten Harley Davidson-fahrer*innen begleiteter Leichenwagen, der über mehrere Kilometer Länge großräumig die ganze Straßenbreite einnimmt.
Wir warten mit anderen Autos am Rand der Straße an der Kreuzung 53rd und 107th Hwy bis diese moderne „Parade der Freiheitsliebenden“ an uns vorbei gezogen ist.
Sie/er muss eine/r von ihnen gewesen sein…

Das kommt dabei heraus, wenn wir Interstates und vielbefahrene Highways nicht mögen. So werden es eben ohne Probleme 100 km mehr und dauert mindestens zwei Stunden länger, bis wir unser nächstes Übernachtungsziel erreichen werden.
Wir fühlen uns durch all das, was wir hier zu sehen bekommen, belohnt.

Für die Überquerung des Hudson Rivers nehmen wir die für uns günstigste Stelle auf unserem Weg die „Mid-Hudson Bridge“ zwischen Poughkeepsie NY im Osten und Highland NY im Westen und haben das Glück, dass nur für den in östliche Richtung fahrenden Verkehr eine Maut verlangt wird.

Sonntag, 06. Oktober 2019       Harmony Ridge Campground, New Jersey (NJ)

Doch ziemlich spät geworden… Vero kommt etwas perplex aus dem Office des verhutzelten Campgrounds zurück: „Da sitzen zwar zwei Menschen, aber sie sind völlig bewegungs- und reaktionslos! Was soll ich machen? Die reagieren überhaupt nicht auf mich und es sieht so aus, als wenn sie dort hin/ ab?gesetzt worden sind.“ – Bevor wir uns etwas einfallen lassen müssen – haben wir Glück: Die Enkelin der Besitzer kommt mit dem Auto vorbei und verkauft uns noch einen Platz.

Anschließend wird das Wetter nicht besser – es tröpfelt aus einem nebulösem Wolkenschleier heraus auf unseren Stellplatz und darüber hinaus.
Wenn ich nicht aufpasse – auch auf unser bis jetzt nicht fertig gekochtes Essen.
Wärmer könnt’s auch sein.
Jetzt wünsche ich mir vielleicht doch ein schönes Restaurant…
Will die Markise nicht rausfahren, weil es nicht danach aussieht, dass ich sie morgen früh bei Sonnenschein wieder trocknen lassen kann.


So kommt der Original Rossmann-Stockschirm zum Einsatz. Macht sich farblich doch richtig gut, ne?
Immer schön cool bleiben. Der Chardonnay, schön gekühlt, ist schon geliefert… Unser eigenes Restaurant ist mir doch am Liebsten!

Montag- Dienstag, 7./8. Oktober 2019    Tohickon Family Campground, Quaktertown, Pennsylvania PA

Vorbei gefahren – Stopp! und umdrehen: Halloween wirft seine Schatten voraus.
Die auf dem Feld dekorierten Kürbisse machen uns den Gemüsestand der dahinter liegenden Farm schmackhaft…

Die Kürbisse sind schon orange-reif und wetteifern symbolisch um ihre Käufer*innen. Sie sind leider nicht essbar und haben deshalb nichts anderes zu tun als gut auszusehen…

Weil sie uns aber doch nur Platz wegnehmen würden und wir mit der hier so beliebten Kürbisherbstdekoration nichts anfangen können, kaufen wir bei diesem kleinen Zwischenstopp unser nächstes Abendessen.
Butternut-Pumkins (diese Sorte ist doch zum Verzehr geeignet), frische Tomaten, Zucchini und Äpfel aus der Region:
Daraus wird eine leckere Kürbissuppe. Die letzte dieser Art, besonders lecker weil aus eigener Ernte, liegt 7000 km und 2 Monate zurück. Wir denken an Dich, Annette!

Auf unserem weiteren Weg muss uns nun diese außergewöhnlich schöne Brücke in Northampton PA tragen. Wie kommen die eigentlich auf das erlaubte Höchstgewicht von 3 Tonnen für ein Fahrzeug? Wie viele davon dürfen zugleich drüber fahren?
Egal! Die Metallrosten werden schon halten…

Wenn auch diese Bilder Betriebsamkeit ausstrahlen, so hängt das doch nur damit zusammen, dass wir in den klitzekleinen Städten dieser Tiefprovinz irgendwie in die Rushhour der hiesigen Pendler hineingeplatzt sind. Unser Navi meint es darüber hinaus überwiegend gut mit uns und leitet uns meistens durch kaum besiedelte Wald-Seen-Pfade-Felder-Kurven-nur für kleine Autos Straßen…

Diese hier heißt nicht umsonst „Covered Bridge Road“.
Müssen nur noch den entgegenkommenden Verkehr durchlassen!

Wir passen mit knapp unter 10′ FT ohne Probleme drunter durch und sind anschließend sofort da.

Landen auf einem Campground der besonderen Art, „grad wie er uns gefallt!“


Wieder ist das Office vereinsamt, hier heißt das geschlossen!
Der Anschlag an der Tür will uns sagen, dass es für Spätankömmlinge einen Briefkasten gibt, aus dem wir, wie schon manchmal während unserer Reisen, einen Umschlag herausnehmen sollen, unsere Daten eintragen sollen, Dollars nicht vergessen…
Was sag ich – sehe ich doch den geöffneten Kofferraumdeckel dieses Autos dort, gehe zum nächsten, benachbarten Haus und treffe tatsächlich auf Menschen: „Ist da jemand für’s Office?“ – Ich übersetze mal, was ich irgendwie zu verstehen geglaubt habe:
„Geh ma da vorne in Richtung Terrasse, da müsste sie eigentlich sitzen, die die da raucht, wie immer, die kommt dann gleich, eigentlich“.
Die scheinen sich zu mögen!

Alles andere ist dann nur noch ein „Kinderspiel“:

Ich suche und finde Toiletten und Duschen, es gibt Waschmaschinen und Trockner. Es gefällt uns alles sehr gut. Nicht super komfortabel, erinnert mich ein wenig an umgewidmete Stallgebäude, aber schön ruhig…

Wir entpuppen unser eigenes Haus, öffnen unsere Küche und bringen unseren Garten „auf Vordermann“. Holzhacken, Papier knüddeln, Anmachhölzchen stapeln, anschließend kurze und mitteldicke Hölzer drauf und zum Schluss „Liquid Fire Starter“ drauf gießen. Mit dem Gasanzünder vorsichtig den gemütlichen Teil einläuten…

Auf diese Art wird es dunkel und unser „Abendprogramm“ im Rahmen unseres Reiselebens nimmt seinen Lauf. Dinner mit German News: Die aktuelle Tagesschau mit Jan Hofer kommt aus der Mediathek von der externen Festplatte.
Vero hat es wie immer pünktlich geschafft: Auf dem Display unseres Laptops erscheint die Uhrzeit: 19:59 und 57 Sek ;-))
Anschließend eine Talkshow aus dem Öffentlich-Rechtlichen zum Deutsch üben und zum Entspannen eine 45 Minuten-Folge aus einer gutbürgerlichen Arzt- und Freundschaftsserie…

Es ist sooo ruhig. Wir hören die Blätter fallen…
und entschließen uns zu einer weiteren Übernachtung. Mal sehen, ob ich die Frau vom Office wieder rauchend auf der Terasse finde:
Yes, sie qualmt sich die Lunge aus dem Leib und ich versuche ihr in bestem Sozialpädagogen-Englisch auf dem Weg ins Office unser gelungenes Abgewöhnungsexperiment mit Taschengeldbelohnung zu erklären…
Sie ist begeistert: so könnten sie sich bald ein „neues“ gebrauchtes Auto kaufen.

Mittwoch, 9. Oktober 2019    Spring Gulch Resort & Campground, New Holland PA

Immer wieder rückt ALDI über Google maps auf unserem Weg nach Süden in unseren Einkaufsmittelpunkt. Die Läden sind auf unserer Route hier im Osten immer wieder zu finden.

Der einzige Supermarkt mit Pumpernickel: erstens Vollkorn und zweitens haltbar!

ALDI verkauft ihn uns hier gern auch im Zehnerpack und nicht nur in „Haushaltsmenge“. Wir schätzen ihn neben Knäckebrot in Anbetracht des ansonsten überbordenden Angebotes von Weizen-Weichbroten sehr.

Inzwischen haben wir Lancaster County in Pennsylvania erreicht:
– Quiltshops mit riesiger Auswahl zu günstigen Preisen im Verhältnis zu Europa,
– Fortbewegungsmittel und Ackerbearbeitungsgeräte der Amish faszinieren uns immer wieder.
Im Übrigen spiegeln die Bilder nicht die Geschwindigkeit wieder, mit der sich diese Tiere durch den Autoverkehr rings um sie herum bewegen. Batteriebetriebene Blink- und Stopplichter sichern die Kutschen und machen sie gesetzeskonform. Es gibt auch schon welche mit elektrischen Scheibenwischern!!!

Mir fällt dazu der Begriff „Kutschentuning“ ein…

oder tiefergelegter Traktor:

Ohne Zweifel ist das Lebenstempo der Amish und der Mennoniten in der Konkurrenz zur Parallelwelt des schnellen Glücksgeldmaschinen-, Aktien- und Hedgefondsystems der übrigen Bevölkerung höchst anstrengend. Aber durch eine funktionierende solidarische Gemeinschaftsstruktur, in der die gegenseitige finanzielle Unterstützung lebenserhaltend wirkt, überleben sie im Nischengelderwerb von organischer Landwirtschaft, handwerklicher Holzbearbeitung, Kutschenbau, Kuchen- und Süßspeisen-und nicht zuletzt durch Stoffverkauf in einzelnen Quiltshops.
Dabei hilft ein stark ausgeprägtes Selbstversorgungssystem!

Diese Brücke kennen wir. Der Unterschied ist, dass wir sie bei unserer letzten Nordamerikareise von der Parallelbrücke aus fotografieren konnten und heute überqueren wir sie…

Lasy Sunday afternoon…

vom Pine Tree- über Granite- zum Bay State…

„Live free or die“       Ein auf den ersten Blick uns irritierendes Staatsmotto…

Vero’s Blick auf die Internetseite von wikipedia.de macht klar, dass es (auszugsweises Zitat) „(…)das wohl bekannteste Motto eines US-Bundesstaates“ (ist) „zum einen wegen der historischen Verwurzelung der Idee der Freiheit und Unabhängigkeit in den Vereinigten Staaten, zum anderen wegen der deutlichen Wortwahl im Vergleich zu den sonst eher gemäßigten Mottos der Bundesstaaten.“
In diesem Kontext können wir das jetzt schon eher nachvollziehen.Weiterlesen »