Gehen wir nach Boston!

Montag, der 30. September 2019

Das kleine aber feine Hingham am südlichen Ende der Massachusetts Bay gelegen und durch die Halbinsel Hull auf der östlichen Seite vor dem Unbill des rauen Atlantik bestens geschützt, ist scheinbar nicht nur für uns der ideale Startpunkt für einen Besuch dieser Großstadt.

Die Schlange der Mitreisenden am eher improvisierten Ferrydock ist auf den ersten Blick an diesem Montagmorgen überraschend und verlangt nach einer, wenn ich es jetzt in der Rückschau betrachte, eher selbstverständlichen Erklärung:
Die schätzungsweise 2000 Autos fassenden und fast völlig gefüllten Parkplätze vorm Hafen bekommen einen Sinn, wenn wir das Zusammenspiel zwischen von Hingham aus pendelnden  in Boston arbeitenden Menschen und der Einfachheit, mit der sie ihre Arbeitsplätze dort erreichen können, erkennen.

Wir sind auf der Fähre um 8:45 am offensichtlich die einzigen Touristen…

Der Katamaran ist proppenvoll mit vielen dieser uns eher aus dem Fernsehen und aus amerikanischen Filmen oder Serien gewohnten supercool erscheinenden Frauen und Männern, die nicht alle aber doch viele, im Kostümchen und Anzügchen proper gestylt, Sunglases in die Haare oder auf die Glatze drapiert, manche schon vor Erreichen ihres Arbeitsplatzes in der Stadt entweder am Cellphone oder am Laptop sitzend und Wichtigkeit signalisierend, fleißig sind.

Der Blick nach draußen zeigt uns sehr schnell Boston, diese berühmte und reiche Hauptstadt des Staates Massachusetts.
Vom Wasser aus gesehen eine für diese Attribute passende Skyline…Wir genießen den Blick auf die unbekannte Stadt: Ein berauschender Eindruck!

Allein diese mit dem Näherkommen immer mächtiger und überwältigender erscheinenden „Skyscraper“, von der Morgensonne beschienen, lassen uns stumm staunen!

Unwillkürlich kommen uns unsere bisherigen „von einer Skyline erschlagen worden sein“ -Erlebnisse dieser Art in den Kopf:
Wir finden unsere Sprache wieder über die konkurrenzlos einmalige Skyline von Manhattan NYC, vom Ufer des Hudson River, westlich von Jersey City aus gesehen. Sie ist in uns eingemeißelt.

Dann: Seattle, Washington State über die Elliott Bay von Bainbridge Island aus gesehen, okayyy?

In diesem Moment wird uns unser „Reichtum“ bewusst, alle drei Städte aus der Perspektive „vom Wasser aus“ selbst erlebt zu haben.

Hingham ist mit dieser Schnellfähre innerhalb einer halben Stunde Vergangenheit. Das gilt für die US-Moneymaker und das deutsche Rentnerpaar an Bord gleichermaßen. Damit erschöpft sich aber auch schon die Gemeinsamkeit.

Ansonsten Schweigen, Distanziertheit, ausgeprägte Individualität bemühend, distinguiert telefonierend… Der riesige Flachbildschirm vor den Sitzreihen bleibt schwarz, außergewöhnlich.

Nach dem Anlegen ist der Eindruck an Rowes Wharf Marina und dahinter liegend, der Atlantic Ave für uns so, wie es die Stadtarchitekten wahrscheinlich auch gewollt haben: Wo sollen wir zuerst hinschauen, was beeindruckt uns am meisten und wie können wir das in Bildern festhalten?

Bevor wir es richtig kapieren und wahrnehmen, es sind noch keine 5 Minuten seit unserer Ankunft vergangen, stehen wir völlig allein hier, als wären wir die einzigen Gäste auf der Fähre gewesen!

„Wohin gehen wir jetzt?“ stellt sich dann für mich als überflüssige Frage heraus, denn ich muss nur meiner Reiseführerin folgen. Sie ist bestens vorbereitet. Richtung Quincy Market, dem riesigen Einkaufszentrum, aus mehreren Hallen bestehend.

Es ist aber, wie sich herausstellt, noch etwas früh: Die Touristen dieser Welt kommen nämlich erst dann, wenn die Konsumtempel, egal ob T-Shirt-, Caps-, Burger- oder Geschenke aller Art Verkauf, geöffnet haben. Also nicht vor 10:00 am.

Haben nicht daran gedacht, wie trist solche Tempel des Konsums ohne Menschen aussehen.
Wir bemerken es beide und machen uns nach ein paar Alibifotos „vom Acker“.

Fast hätten wir bei unserer Beinaheflucht die Faneuil Hall, unter Baugerüsten verborgen, verpasst. Aber der freundliche Mitarbeiter im Visitor Center im Parterre weist uns neben den Verkaufsständen zu ebener Erde auf die Einzigartigkeit in der 1. Etage hin:
Wir kommen in den historischen Versammlungsort der Bostoner Bürger ab dem Jahr 1742 in der beginnenden Auseinandersetzung mit dem englischen Mutterland um den Wunsch nach Selbständigkeit und Freiheit…

Hier wird’s richtig gewaltig: Lauter Ölgemälde und Statuen oder Büsten bedeutender Männer und Flaggen, Flaggen, davor eine lebendige, selbstbewusste Rangerin, die uns die Entstehungsgeschichte dieses Hauses und die damit verbundene politische Haltung der damaligen Bostoner Gesellschaft erklärt:

Ob wir wüssten, wer an den Versammlungen in der Halle damals teilnehmen durfte, fragt sie die Zuhörenden. Die Antworten:
– Weiße
– über 21 jährige
– Männer
– Land Besitzende
– in der Stadt Lebende

Diese amerikanische Gesprächs- und Entscheidungskultur im 18. Jahrhundert, auch wenn die Bedingungen uns aus unserem heutigen Selbstverständnis antiquiert vorkommen, war in den Staaten Europas zu diesem Zeitpunkt wohl eher die Ausnahme.
Diese Gedanken helfen uns dabei zu verstehen, dass US-Amerikaner*innen einen solchen Saal heute immer noch als ein wichtiges Zeichen ihrer Entstehungsgeschichte ansehen.

An dieser Stelle wird unser weiterer Weg durch Boston zwangsläufig historisch, weil er uns als „Freedom Trail„, einer rot gepflasterten oder gemalten Orientierungslinie zu den 16 wichtigsten Merkmalen der heute noch erhaltenen und sorgsam gepflegten Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte führt.
Gleichzeitig angenehm, aber uns auch die Verantwortung für unsere eigenen Wege abnehmend, bietet er allen Boston-Besucher*innen einen geschichtlichen, männlich geprägten, politischen, architektonischen und militärischen Exkurs.
Wir nehmen ihn trotzdem gern in Anspruch…

Zum Beispiel: The Old State House – die amerikanische Verfassung wurde von diesem Balkon zum ersten Mal öffentlich verlesen… und so geht es weiter, fast jeder Schritt von vielen auf einer Länge von 4 Kilometern gibt uns einen Aha-Blick auf solche Orte der Vergangenheit. Aber nicht nur auf Vergangenes.

Zwei Figuren vor dem Wachsmuseum…

Spätestens…
im Boston Navy Yard, wo die „USS Constitution“, ein mehr als 200 Jahre altes, immer noch einsatzbereites berühmtes Kriegsschiff und die USS „Cassin Young“, ein Zerstörer der US-Marine aus dem 2. Weltkrieg zur Besichtigung für die Bevölkerung freigegeben liegen, wird uns klar,

dass wir nur zu einer solchen „Stippvisite“ der Stadt in der Lage sind.
Vielleicht liegt es daran, dass wir uns im Voraus nur einen Tag für Boston vorgenommen hatten. Wir werden dieser Stadt mit all ihrer Schönheit, Besonderheit, Buntheit und Vielfalt heute nicht gerecht.

Jedenfalls ist es sicher kein Zufall, dass es von hier aus, gleich um die Ecke im nächsten Hafenbecken eine Fähre gibt, die uns von Charlestown wieder nach Boston Harbor zurück bringt.

Wie schön, dass wir, wenn wir uns beeilen, noch die nächste Fähre nach Hingham sofort erreichen können und keine ganze Stunde auf die nächste warten müssen.

Großstadt ist wohl im Moment nicht so unseres…

Sorry Boston!

5 Gedanken zu “Gehen wir nach Boston!

  1. Neben all dem Schönen und Interessanten aus Boston und der Natur freue ich mich besonders , dass es euch offensichtlich weiterhin gut geht.
    Liebe Grüße
    Alfred .

  2. Hi Vero und Reiner,
    tolle Bilder aus Boston, die Erinnerungen und Fernweh wecken. Können gut nachvollziehen, dass die Großstadt Euch „erschlägt“ und Ihr wieder zurück in die Natur seid. Man kann viel Zeit in Boston verbringen, – in der Saison – Hummer schlemmern, die Geschichte auf sich wirken lassen und versuchen zu verstehen, wie die Verfassung entstanden ist und wie sie heute interpretiert wird. Man kann aber auch die Schönheit der Natur erkunden, die heute – trotz vieler negativer Entwicklungen – immer noch beeindruckend ist.
    Viel Spaß
    Sonja und Klaus

    • Hi, ihr beiden „waiting for“…
      Yes, die Natur, wie Ihr feststellt, ist im Moment unser eindeutiger Favorit und so hangeln wir uns from Mountain to Forest, from Ocean to Lake to River…
      Gestern hatten wir Halloween vom Feinsten!
      Liebe Grüße aus Blacksburg SC, (Cherokee County)
      Vero und Reiner

  3. hallo vero und reiner,
    danke für die blitzlichter und schönen bilder von boston! wir werden bis freitag in new york bleiben und dann zügig in wärmere gefilde wechseln. allmählich wirds kühler ringsherum ….
    lg manfred

    • Hi Manfred, freuen uns, dass Euch unsere erzählenden und bildlichen Anmerkungen zu Boston gefallen haben. NYC hat uns immer fasziniert… sind diesmal durch Pennsylvania dran vorbei. Wünschen Euch bald die Sonne.
      Liebe Grüße, Reiner

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