Flachfahren ist jetzt angesagt…

Montag, 18. Juni 2018

Heute morgen nehmen wir bei herrlichem Sonnenschein Abschied von Hidden Village RV Park.
Man muss sich das mal vorstellen: Der Campingplatz mit dem hier üblichen Wunsch nach besonderer Namensgebung, in diesem Fall, Campingplatz „Verstecktes Dorf“, entlässt uns schweren Herzens aus seiner Heimlichkeit der besonders beschaulichen Lage. Bevor Mißverständnisse auftauchen, also wir haben schwere Herzen nicht der Campingplatz… Ab jetzt geht es langsam aber sicher immer weiter Richtung Osten…

Um später auch noch nachvollziehen zu können, welchen Weg wir in den letzten Wochen genommen haben und wir in den nächsten nehmen werden, fügen wir hier unsere „Flachfahrer-Route“ ein:

Noch jedoch haben wir weder das Kaskaden-Gebirge noch die Rocky Mountains hinter uns. Aber immerhin befinden wir uns in süd-süd-östlicher Richtung parallel zu ihnen…

Vero hat sich entschieden und weiß nach langer Recherche sehr genau, dass wir auf dem Hwy 9 die beste Alternative zur Interstate 5 haben, um mit vielen landschaftlichen Besonderheiten am ersten Gebirge entlang zu rutschen.

Wir nähern uns in den kommenden Tagen der Herausforderung, diese Berge zu überqueren.
Voller Respekt sehen wir nach links schauend den wilden Gipfeln entgegen und sind froh über jeden einigermaßen flach und eben verlaufenden Kilometer. Natürlich wäre es simpler gewesen, die Interstate 5 entlang zu düsen, aber dass lässt unsere Philosophie der langsamen Fahrt über die schönsten Straßen nicht zu. Wir werden es schon schaffen. Reden wir uns jedenfalls immer wieder ein…

Ist es nicht auch in Deutschland so, dass die Szenen auf den parallel zu den Gebirgszügen verlaufenden Straßen häufig wunderschöne Blicke ermöglichen? Daran erinnern wir uns hier in Washington State:
Skandinavisch anmutende Wirtschaftsgebäude der sich ins Tal schmiegenden Farmen zeigen uns, dass immer wieder alte europäische Baukultur nach Amerika mitgenommen wurde und uns das Gefühl, gar nicht so weit weg von zuhause zu sein vermittelt.

Immer noch Montag, 18. Juni 2018       Tall Chief RV Resort, Fall City ,WA

Wir haben alles richtig gemacht! Nach den letzten drei Stunden, ungefähr 190 Kilometern weiter südlich über den Hwy 202 landen wir mitten in der Einsamkeit eines riesigen Waldgebietes im Tall Chief RV Resort, was bedeutet, dass Menschen sich hierher zurückziehen können, um Freizeitangebote wie Schwimmen, Angeln, Kanufahren und selbstverständlich angenehmes Übernachten zu genießen. Wir werden herzlich aufgenommen, sollen uns allerdings vor dem hier gesichteten Schwarzbären in Acht nehmen. Für uns ist es inzwischen auf jedem Platz selbstverständlich, alle essbaren Dinge immer im Auto aufzubewahren.

Im Übrigen sind wir überraschenderweise gar nicht weit von Seattle entfernt…

Der Swimmingpool ist riesig – die Baderäume mit Duschen ansehnlich. Solange wir im Wasser sind, machen uns die Wespen ringsherum keine Probleme, aber ansonsten! So viele umherschwirrende Teile machen auf Dauer auch den schönsten Pool und die großzügigsten Duschen zur inneren Unruhequelle.

Als wir uns aus dem Resort verabschieden werfen wir unsere „Eintrittskarte“ in den am Ausgang befindlichen Briefkasten. Es gibt sogar einen Schlitz für nicht ganz so hohe Wohnmobile…

Dienstag, 19. Juni 2018

Wir bekommen heute morgen das was wir brauchen: Sonne und Licht wie fast immer während unserer Reise.

Es geht locker über den Hwy 202 und dann wegen fehlender Alternative über die I-90 bis auf gut 1000 m hoch über den Snoqualmie Pass 200 km Richtung Vantage, WA. Hier im äußersten Norden der USA ist er der flachste Pass über die Kaskaden (ganz sicher, weil Vero es herausgefunden hat). Wow, im Übrigen verläuft dieses Gebirge, für Europa unvorstellbar, von British Columbia CAN bis nach Nordkalifornien USA, über 1130 km Länge!

So viel Zeit muss sein: Nachdem wir den Pass locker überquert haben, stellt sich heraus, dass Cle Elum für die uns in diesen Tagen begleitende Einsamkeit ein durchaus nennenswertes Städtchen ist.
Dieses Städtchen am Fußes des riesigen Kaskadengebirges beherbergt etwas mehr als 1800 Einwohnerinnen und Einwohner und in seinem Umfeld mehr als 45000 Menschen. Kohle und Holz waren und sind die maßgeblichen Rohstoffe, die für Arbeit und Auskommen in diesem Ort sorgen sollen.

Wir fühlen uns mittendrin, wie wir in Deutschland sagen würden in der „Provinz“ (wovon es in den USA sehr viel gibt) und mal wieder schockiert über die öffentlich zur Schau gestellte Bedeutung bestimmter, von uns als unzivilisiert empfundener Sprüche:

Gott, Waffen und individueller Mut – Freies America!

Da meint jemand tatsächlich, dass nur der 2. Zusatzartikel der Verfassung der Vereinigten Staaten (das uneingeschränkte Recht auf Waffenbesitz darf verfassungsgemäß nicht durch ein Gesetz geschmälert werden) die ansonsten bedrohte Freiheit garantiere…

Diese Vorstellung kollidiert drastisch mit unseren Ideen von Frieden und Freiheit gewährleistenden menschlichen Werten des 21. Jahrhunderts:
Gleichheit aller Menschen, Demokratie, Emanzipation, Toleranz, Respekt, Empathie, Bildungschancen für alle Menschen und soziales Miteinander – vor allem in einer Welt ohne Waffen!

Aber Schluss damit:
Manchmal ist es hier eben so, dass wir nur traurig den Kopf schütteln können – und auch befürchten, dass sich aus der Veröffentlichung solcher „Ewiggestrigkeit“ (Eternally stubbornness) die nächste Präsidentenwahl beeinflussen lässt!

Wir verlassen auf den nächsten Kilometern die Nähe und Lieblichkeit des Yakima River, einem der vielen unzähligen Flüsse durch das Kaskadengebirge und damit die bis hierher unvermeidliche I 90, zugunsten der viel ruhiger zu befahrenden Hwy’s 903, 10 und und biegen bei Ellensburg links ab auf den fast leeren Vantage Hwy, der uns mehr oder weniger direkt die letzten knapp 100 km zu unserem heutigen Übernachtungsziel führt…

Wir können unsere Augen nicht vom Yakima River lassen. Er bestimmt mit seinem heftig mäandernden Verlauf ebenfalls die Richtung des Highways.

Letztendlich sorgt unsere Fahrt dafür, dass er jetzt für uns schon wieder Vergangenheit ist.
Reisen ist eben ein ewiges Begrüßen und Abschiednehmen…

Vantage Riverstone Resort

Es gibt mindestens einen Grund, weshalb es von der Übernachtung auf diesem Platz nur ein Foto gibt:
Das ist die Alltäglichkeit der hiesigen Umgebung, die uns einfach nur ankommen und ausruhen lässt.

Wir wollen dabei aber nicht die Begegnung und das Gespräch mit den zwei Radfahrern vergessen (nein, keine Europäer, sondern zwei der wenigen amerikanischen Radtouristen), die sich für zwei Wochen über mehrere 100 Meilen von West nach Ost auf eine ausgiebige Radtour mit Übernachtungen auf Campingplätzen begeben haben. Wow, von wegen Flachfahrer…

Am nächsten Morgen, heute ist 20. Juni 2018

Immer noch in Washington State, begegnen und überqueren wir den uns schon aus früheren Reisetagen bekannten Columbus River: riesig, behäbig und weil hier zum Wanapum Lake aufgestaut, unüberschaubar.

Die Kaskaden liegen hinter uns, hinter dieser Brücke drehen wir sofort auf Nordost und durchqueren ein nicht enden wollendes, riesiges, wasserfressendes Weizenanbaugebiet, dass uns die nächsten 150 Kilometer begleitet.

Warum gibt’s hier keine Bevölkerung? Wo sind die Farmer? Hier jedenfalls steht nur ihr Weizen…

20. – 25. Juni         Country Lane RVPark, Wilbur, WA

Er scheint ein Sammelpunkt für Durchreisende zu sein!

Denn viel mehr als, es ist zum Staunen, zwei Campingplätze, einen Supermarkt, wir wissen es nicht genau, aber bestimmt mehr als eine Kirche, eine Elemantary School und eine Tankstelle gibt es in einer „Stadt“ wie Wilbur wahrscheinlich nicht. Trotzdem geht niemand zu Fuß. Wenn wir die 500 Meter zum Supermarkt gehen, immer schön an den Straßenrändern entlang, Fußgängerwege?, glauben die Menschen hier Aliens zu sehen.

Das Gefühl Außerirdische zu sein, setzt sich auf dem Campingplatz fort: wir sind  durchaus „bestaunte Wesen“, deren Bekanntschaft zu machen, sich nicht nur für die Einheimischen lohnt.

Wir werden beschenkt: der frisch aus dem nahegelegenen Banks Lake geangelte, für uns fertig filetierte Small Mouth Bass schmeckt uns vorzüglich und ist eine gern angenommene Köstlichkeit, für die es sich lohnt, mal wieder unsere Reise-und Lebensstory zum besten zu geben.

Es grenzt an ein Wunder: im Gemeinschaftsraum des Campingplatzes gibt es nicht nur eine Kaffeemaschine, die ich selbständig bedienen darf, sondern auch einen Flatscreen TV, halt mich fest, auf dem ich ein Spiel der Fußballweltmeisterschaft (Deutschland gegen Schweden) sehen kann…

Sunset as its best…

 

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