Das Tor zum Westen

Samstag, 29. bis Sonntag, 30. August 2015

Die letzten hundert Kilometer nach St. Louis, denke ich, werde ich „auf einer Arschbacke“ abfahren.

Aber hallo, auch wenn der Highway „nur“ sechsspurig verläuft: ich muss mich unter anderem darauf einstellen, dass die rechte Spur nicht die „Driveline“ ist, sondern immer wieder zur Spur für die nächste Ausfahrt wird.

Das bedeutet, wenn ich weiter geradeaus fahren will, muss ich mindestens die zweite Spur von rechts halten.
Apropos „Spur halten“: ganz wichtig! Links und rechts rauscht alles, aber auch alles an mir vorbei.
Rechts Überholende und Rausfahrende, links Überholende und Weiterfahrende.
Alle schneller als ich.

Wusch! Die Bahn ist voll!
Das Navi sagt mir zuverlässig, aber nervend, jeden Buchstaben einzeln sprechend: „HWY 34 SB HWY 61 NB HWY 21 in 2,1 Kilometern Richtung Illinois links halten“, was bedeutet, mindestens die linkeste Spur, aber vielleicht auch insgesamt zwei oder drei gehen nach links weg…
Und das passiert jetzt auf den letzten fünfzig Kilometern immer wieder, wie gut, dass das Spurhalten hier zuverlässig ernst genommen wird.
Wer wechselt, blinkt… Alle halten Abstand… Höchstgeschwindigkeit heißt hier Mindestgeschwindigkeit, also 65 Mph, 115 km/h, inklusive Trucks auch auf der linkesten Spur, denn alle sind Überholspuren!

Von oben muss das wie ein sich ständig relativ gleichmäßig weiterschiebender Flickenteppich aussehen, bis auf einen kleinen weißen Flicken aus Deutschland, der sich langsamer dadurch schiebt, mehr oder weniger gleichmäßig von anderen links und rechts umkurvt…

Jetzt ist auch der Gateway Arch, dieser monumentale, alles überragende Bogen nicht mehr zu übersehen.
Er dominiert das Bild als Ruhepol in einer völlig chaotisch anmutenden Stadt. Alles geht und steht drunter und drüber, Highways, Brücken, Bauten, Straßen, mal sehen wir das alles von oben, mal von unten, je nach dem auf welcher horizontalen Ebene wir uns mit unseren 90 km/h gerade bewegen.

Wir treiben inzwischen auf einer mindestens 100 Jahre alten Brücke über den Mississippi. An ihrem Ende muss ich mich wieder ganz links halten und dann sofort an der ersten Ampel (seit Langem) wieder links abbiegen. Mitten über die Kreuzung führen Bahngleise, also aufpassen, ob auch kein Zug kommt. Irgendwie „industriebracheähnlich“, hier soll ein RV Park sein?
Jedenfalls steht da ein Schild. Aber das Navi sagt mir was anderes… OK, hier geht’s nicht mehr weiter. Wieder zur Abzweigung mit dem Schild zurück und vertrauen…

Es hat gepasst. Angekommen!
49 $ die Nacht, teuer aber alles bestens, Security fährt mit dem Auto Streife, wir haben „Full Hook up“ und angeblich auch WIFI.

Fertig machen für die Stadt… Geld, Cards, Schlüssel, Telefone, Wasser, Auto zu.

Jetzt kommt der Hammer: Am Office hängt ein Telefon an der Wand, Security anrufen und Wagen bestellen, der uns zur Metrostation fährt, und wenn wir zurück wollen uns auch wieder abholt.

Der RV Park gehört zum nahegelegenen Hotel „Casino Queen“; Leute mit viel Spielgeld werden aus Sicherheitsgründen natürlich gefahren, deshalb, that’s it!

Die Metro, sie erinnert mich an die Straßenbahn in Bielefeld, bringt uns von der Mississippi Riverside 3 Stationen nach Downtown 8th/Ecke Pine St.

Wir gehen Richtung Old Court House, denn dort gibt es die Tickets für die Fahrt nach oben.
Ich will unbedingt in den Gateway Arch, im „Bogen“, nach oben fahren.

Um 4:05 pm bin ich an der Reihe, hier hat jede/r seine eigene Abfahrtzeit nach oben. Vorher Sicherheitscheck wie im Flughafen…
Und dann wird es mir schon etwas mulmig: komisch, es geht „unter Tage“, eine dunkle Treppe nach unten, um eine nicht einsehbare Ecke, lauter kleine in unterschiedlicher Höhe angeordnete Türchen: hier soll ich in „was?“ einsteigen?
Durch eine von diesen, nur 1 Meter hohe oder besser gesagt -kleine- Tür, tue ich’s, gebückt, wie durch die Öffnung eines U-Bootes. Zwar großzügig wirkend, weiß gestrichen und illuminiert, aber in Wiklichkeit winzig, nehme ich mit zwei weiteren Männern Platz.

Gerade sitzen ist nicht.
Aus gebückter Sicht kann ich, nachdem die Türen geschlossen werden, durchs kleine Fenster in die Hülle sehen, wie wir Höhe gewinnen.
Funzeliges Licht, Stahlgerippe, Hohlräume, Feuerlöscher, enge, steile Treppen, lieber weggucken.
Alles wäre o.k., wenn dieses Teil sich nicht in regelmäßigen Abständen immer wieder so um eine Achse drehen würde, dass ich abwechselnd nach vorn und hinten gehoben bzw. gesenkt würde.


Nach, keine Ahnung, unendlich langen drei bis vier Minuten, können auch zwei gewesen sein, liege ich in sage und schreibe 192 m Höhe um 45° vornüber geneigt, bäuchlings an einem Fenster innerhalb eines vielleicht drei Meter hohen Bogens der dahinten schon wieder nach unten abfällt, aus Stahl, Beton und was weiß ich nicht,

und ich finde es unfassbar…

Der Osten,

der Mississippi von Nordost nach Nordwest unterwegs

und Richtung Süden das Footballstadium,

das Old Court House.

 

und die große Baustelle unterhalb, hier soll ein Park entstehen.

Weiß nicht genau, ob dieses gesamte Ding nicht vielleicht auch schwankt.

Bin jedenfalls echt froh, jetzt wieder unten zu sein. Einmaliges Erlebnis, puh. Vero hat für sich die richtige Entscheidung getroffen.
Ich bringe ihr lieber die Höhe in Form von Fotos mit nach unten.

Leider hat das Museum geschlossen und das Umfeld der Arch ist eine einzige Baustelle. 2017, wenn alles fertig sein soll, wäre wohl der bessere Zeitpunkt für einen Besuch gewesen.

Aber ob wir auch dann mit dieser Stadt „so richtig warm“ würden?

Für uns sind, jedenfalls dafür, dass heute Samstag ist, zu wenig Leute unterwegs, auch obwohl offensichtlich später ein Football Match im Stadion steigt.

Die Menschen reisen im Auto an und lassen sich durch Fahnen schwenkende Stuffs in alle möglichen Parkhäuser der Stadt hineinlocken und sind dann wie verschluckt.

Wir nutzen als einfachste Art des Kennenlernens die Fahrt mit dem „Downtown-TrolleyBus“.

Die glorreiche Vergangenheit von St. Louis mit den vielen, den Westen erobernden Siedlern, ihrer Geschäftigkeit und den vielen Schiffen auf dem Mississippi im Kopf, sind wir möglicherweise Opfer unserer eigenen Erwartungen an diese Stadt geworden, wir hatten sie uns quirliger vorgestellt.

Wie bequem haben wir es:

Kaum aus der Strassenbahn ausgestiegen, hat uns die Security schon taximäßig bedient und uns sicher wieder nach „Hause“ gebracht.

Have a safe trip home, too!

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