Lassen wir uns ins Bockshorn jagen?

Sonntag, 8. Oktober 2017

Der Regen wird während unserer Fahrt von Pemaquid Beach Richtung Süden zum Prime Volkswagen ServiceCenter außergewöhnlich ausdauernder, also zumindest das hängt in der Luft…
Aus diesem feuchten Grund zeigen die nächsten Bilder zwar das Pumpkinfest, so heißt das wirklich, in Damariscotta, Maine, aber das Wetter verhindert, dass wir aussteigen wollen, vielleicht auch das uns permanent begleitende Gefühl, hoffentlich bekommen wir endlich einmal für unser Auto die richtige Diagnose und die endgültig richtige Reparatur.

Die Angewohnheit der Amerikaner, sich für jede Einkaufsmöglichkeit das entsprechende Fest mit der dazu gehörigen Dekoration einfallen zu lassen, heißt für den Herbst „Pumpkins“ und „Halloween„. Zu den herbstlichen Blätterfarben passen Kürbisse in allen möglichen Formen, Farben und Größen, zu den kürzer werdenden Tagen und den länger werdenden Nächten passen die Dekorationen von Spinnennetzen und Geschichten von Geistervertreibung in Verbindung mit Süßem und Saurem für die umherziehenden Kinder. Huhhuuu!
Herbst- oder Winterastern in rauen Mengen und Farben…

Als Vorwarnung schon einmal: gemäß dieser Theorie heißt dann das nächste Einkaufsfest vor Weihnachten Thanksgiving, das ist das mit den Truthähnen und der Familientradition.

In Saco, Maine bei Prime VW angekommen sind wir froh, morgen gegen 8 am unseren „gebuchten“ Mechaniker Cory den Zündschlüssel in die Hand drücken zu können, damit er den Motor anlassen kann, um zu hören, wie unzuverlässig sich so ein Diesel anhört, wenn er nicht die richtige Zündungstemperatur hat oder sich kein Treibstoff in der Nähe der Glühkerzen befindet.
Wir sind ja nicht verwöhnt und finden uns deshalb damit ab unser Dinner zwischen den auf dem Werkshof abgestellten Autos zuzubereiten. Hauptsache, es regnet nicht mehr ganz so heftig. Ansonsten bleibt uns nur der Schirm. Wie gut, dass noch kein Winter naht…

Wer sich mein Gesicht auf dem nächsten Foto etwas genauer anschaut, kann meine Skepsis als Kunde einer VW-Dealership in USA erkennen: hier steht das gesamte Equipment der Kundenversorgung vom Kaffeeautomaten über den Wasserspender, heiß und kalt bis hin zum kostenlosen Angebot, sich mit PopCorn kostenlos den Bauch voll zu schlagen.
Aber wir kommen uns eher ungefähr so vor wie Patienten in einem Krankenhaus, woher wir, bevor wir behandelt werden, auch das Gefühl kennen erstmal alle Persönlichkeitsmerkmale, bis auf den Schlafanzug oder das Operationshemd abzulegen, hier bei VW allerdings ohne gesetzliche Versicherung.

Denn was ungefähr dreihundert Meter weiter an unserem Auto gemacht wird, sehen wir nur abschließend auf unserer Rechnung, die detailliert beschreibt, was in der Zwischenzeit passiert ist und was nicht dabei heraus gekommen ist: Der VW T4, hier Eurovan genannt, ist in USA nur sehr selten, der ACV Motor mit 5 Zylinder Turbodiesel nie nach Amerika verkauft worden, blabla…
Es heißt nichts anderes, als dass es ein Glühkerzen- oder Dieselpumpenproblem, Temperaturgeber- oder Vorglührelaisproblem, jedenfalls nichts mehr mit Batterie, weder Starter- noch Wohnraumbatterie, geben soll.
Man könne es aber wegen fehlender Teile oder Kabelpläne für dieses Auto nicht beheben.

Die freundlichen Servicemitarbeiter meinen dann relativ gnädig und sehr freundlich: „Macht Euch einen schönen Tag in Maine und kommt morgen früh noch einmal wieder, wir werden dann noch einmal sehen…“

Florida entfernt sich gefühlsmäßig immer weiter von uns, dafür liegt der Kennebunk-Quiltshop ganz in „Desperate Housewife-Decoration“-Manier zur Überbrückung unserer aufkommenden Frustempfindungen in der Nähe.

Der sündhaft teure aber im Regen einfach nur vermodert vor sich hin schimmelnde Thousand-Trail Campground macht es auch nicht besser. Es passt stimmungsmäßig alles zusammen. Einfach blöd, wenn unsere täglichen Reiseziele eher von Autowerkstätten bestimmt werden als von unserer Sonnenscheinverwöhnung vergeprägten Erwartung.

Rare Air auf dem Nummernschild heitert zwischendrin unsere Stimmung auf. Ein sehr gut restaurierter VW-Transporter T1!
Der freundlich winkende „Volkswagen-Bruder“ macht an seinem Wagen bestimmt alles selber…

In diesem Moment sieht auf einmal alles anders aus:
Jetzt nach der sommerlichen Saison wärmt uns dieser menschenentwöhnte, zum  Barfußlaufen auffordernde Strand mit Unendlichhimmel in Blau am Atlantik in Maine mit seinen Riesenmuscheln alle Depri-Gedanken aus der Birne und die Kälte aus den Füßen.

Wir sind in Kilometerdimensionen fast allein.

Eins dieser Riesenkalkgefäße muss mit nach Europa…

10.-11. Oktober Waggon Wheel Campground, Saco, Maine

Es passt!
Wir haben gestern abend für unseren Wiederholungsbesuch bei Prime Volkswagen in Saco, Maine einen sehr schönen Campground gefunden.
Ich sage doch es passt!

Den Kundenbereich oder besser Patientenaufenthaltsraum lassen wir für unseren Besuch heute morgen in dieser „Autoklinik“ links liegen! Direkt an Cory’s Arbeitsplatz teilen wir seine Überlegungen zu unserem Auto mit ihm.

Das passt …
Wir stimmen darin überein,
1. dass der Temperaturgeber für das Vorglühsystem nicht in Ordnung ist. „Er“ glaubt dem Temperatursensor des Kühlsystems nicht, dass der Motor noch kalt ist, sondern warm und in folgedessen meinen die Glühkerzen, sie müssten morgens bei kaltem Motor nichts tun.
2. Morgen früh werden wir es riskieren, den oben beschriebenen Temperatursensor einfach aus seinem Stecker zu ziehen, um dann nach manuell ausgelöstem „glüht gefälligst!“-Signal für die auf unseren Befehl hin wärmenden Glühkerzen nach 5-6 Sekunden Wartens den Motor zu starten.

Wenn „Meister Cory“ uns in diesem Verfahren auch noch dadurch bestärkt, dass er das bei seinen VW-Transportern schon jahrelang so gemacht habe, dann ist jegliche Skepsis auf einmal wie weggeflogen.

So werden wir es morgen früh machen!

Mittwoch, der 11. Oktober …wo ist das Problem?

Wir fahren noch ein drittes Mal zu Cory!
Aber nur um ihm zu sagen:

….LÄUFT!
Danke und Tschüss!

11. – 14. Oktober
Es ist wirklich unvorstellbar, welche Macht diese Hilflosigkeit eines nicht „ordentlich“ startenden Autos über uns gehabt hat. Das ist jetzt vorbei!

Unser WoMo bringt uns fast schwebend, erleichtert und gern, von Maine über New Hamshire, Massachusetts, Conneticut, New York State nach New Jersey.
G
enüsslich überlasse ich Vero das Navigationskommando. Wir cruisen sehr entspannt über die kleinsten und hügeligsten Straßen in ausgesprochener Wohlfühlatmosphäre:

Ein Traum von RV-Resort: Coldbrook Resort Campground 385 Gurn Springs Road Gansevoort, New York 12831
Die Adresse merken wir uns…

„Shaefer is my maidenname!“ – Veronika’s auch: Schaefer, wir glauben nicht an Zufälle – beide freuen sich jedenfalls über die Begegnung mit ihrer Geburtsnamenspartnerin in einem Quiltshop bei Hurley Business Park in New Hartford, Connecticut, den wir in einem alten Fabrikgebäude aufgetan haben.

Nachdem es hier bis Mitte des letzten Jahrhunderts eine Textilfabrik gab, zwischendrin ein Gitarrenbauer seinen Platz gefunden hat, finden sich neben ihm heute verschiedene Shops und Restaurants in dem zwischenzeitlich entkernten, aber in den alten Außenmauern wieder hergerichteten Gebäude.

Jetzt sind wir wirklich in America: Wir überqueren den Hudson River über die 1400 Meter lange Bear Mountain Bridge, die uns, wenn wir sie jetzt überqueren, von New York State nach New Jersey bringt. Ob Vero das wohl so richtig mitgekriegt hat? Ich glaube eher nicht, sie ist in jedem Fall aber echt tough.

14. Oktober

Wir nähern uns, zwischendrin anhaltend um mit Judy und Ed zu telefonieren, dem Redneck County, New Jersey.

So bezeichnet Ed jedenfalls diese verwunschene und eher ärmliche Gegend. Ich neige dazu, ihn zu verstehen, wenn wir unserem Navi ziemlich häufig vorfahrtachtend, Kreuzungen mit teilweise bis zu fünf Einmündungen (Stop All ways) folgend, Blairstown mit seiner Fairview Lake Road erreichen. Hier haben die Hwy’s mindestens dreistellige Nummern und wen wundert es: hier leben echt noch Menschen…

Judy und Ed’s summerhome at Fairview Lake, New Jersey ist unser Ziel. Wir freuen uns sehr über ihre Einladung, die wir vor Monaten, schon von Deutschland aus, telefonierend und e-mailend gern angenommen haben. „Come whenever you want. We’re out here till November, 7th…“

Dabei verlassen sie sich nicht auf unser in dieser Einsamkeit fantastisch uns leitendes Navigationssystem, sondern kommen uns vorsichtshalber auf dem letzten Stück der Dirtroad entgegen. Wenden hinter uns und fahren uns voraus.
Was für eine herrliche, vollkommen stille, manchmal verirren sich sogar Schwarzbären hierher, aufregende Gegend.

That’s we’re here for…
nicht um zu jagen, sondern Petanque zu spielen, uns auf unser gemeinsames Turnier in Florida im November vorzubereiten.

Die Gastfreundschaft der beiden ist sprichwörtlich. Oder wie sollen wir es nennen, wenn sie glauben uns schon fünfundzwanzig Jahre zu kennen. Wir geben dieses Kompliment sehr gern zurück. Sogar unsere politischen Ansichten scheinen sich über die Jahre gemeinsam entwickelt zu haben. Beide sind echt belesene, aktuell auf dem Laufenden und auf dem Boden gebliebene Menschen. Wir sind glücklich, sie kennen gelernt zu haben.

Es ist einfach traumhaft schön hier, und Glück mit dieser beeindruckenden Jahreszeit haben wir auch noch.
Der Ausflug ins traditionsreiche Umland, unter anderem ins Tal des Delaware Rivers mit seinen zahlreichen kleinen, fischreichen Nebenflüssen ist uns nur deshalb möglich, weil sich die Bewohner dieser Gegend in den sechziger und siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts erfolgreich dagegen gewehrt haben, dass hier ein Riesenstaudamm, der den Fluss zur Stromgewinnung aufstauen sollte und die gnadenlose Überschwemmung und Versenkung dieser Landschaft zur Folge gehabt hätte, gebaut wurde.

Gleichzeitig können wir uns als Reisende im einundzwanzigsten Jahrhundert darüber freuen, dass so viele Details des Lebens der Einwanderer aus Europa heute noch in fast ursprünglichem Zustand zu erkennen und zu bewundern sind.
Auch hier finden sich die Shafers… und wenn wir wollen, auch ansatzweise die Verwendung lippischer Bruchsteine beim Hausbau. Judy bestätigt uns in der Annahme, dass die Steine auf den damals anzulegenden Feldern störten und deshalb gern für die Häuser Verwendung fanden.

Montag, 16. Oktober
Wir danken unseren GastgeberInnen herzlich! Sie sind als unsere Gäste in Deutschland sehr willkommen, aber vorher sehen wir Judy und Ed im November noch einmal in Amelia Island und wahrscheinlich auch in Boynton Beach wieder, wo sie bis Januar den Winter verbringen.

Direction Pennsylvania… and now traveling with the sun!

8 Gedanken zu “Lassen wir uns ins Bockshorn jagen?

  1. Hallo, ihr Beiden! Immer wieder schön eure Berichte zu lesen, wie es dann weiterging. Die Herbstbilder, liebe Vero, sind ganz traumhaft 🍁🍂 Weiterhin immer eine Gute Fahrt ohne Pannen!!! Viele Grüße aus dem windigen Berlin von Eva

  2. Liebe Vero, lieben Reiner,

    schön, immer mal wieder von Euch zuhören, und jetzt sogar, dass ihr Krisen prima bewältigen könnt!
    War aber eigentlich klar……….
    Wunderbare Herbstbilder habt Ihr geschossen.
    Hier ist es naturgemäß auch Herbst geworden, gerade hatten wir aber auch noch einige schöne Tage.
    Uns allen weiter eine gute Zeit!!
    Lieben Gruß

    Anja und Dietrich

    • Liebe Anja, lieber Dietrich,
      …das mit dem Bockshorn ist vorbei und wir fahren gemütlich auf den kleinsten Straßen. Also meistens die mit drei Zahlen gekennzeichneten Hwys. Große Städte waren bisher nicht unsere Favoriten, aber nun liegt Charleston, SCarolina vor der Tür.
      Wir wünschen Euch „natürlich“ auch eine gute Zeit, denn schon klar: Egal wo wir alle gerade sind, es kommt darauf an, was wir aus unserer Zeit machen!
      Ganz liebe Grüße
      Vero und Reiner

  3. Eure Bilder nach der Beseitigung der Startprobleme zeigen in ganz wundervoller Weise die Schönheit des amerikanischen Herbsts. Schade, dass die Probleme anfangs Eure Stimmung so getrübt haben. Wir können Euch Eure Hilflosigkeit und den Frust nachfühlen. Amerika – ein Autofahrerland? Nur solange man keine Werkstatt braucht :-(.

    Wir wünschen Euch weiterhin eine gute Fahrt und freuen uns über die Berichte und Photos. Bleibt gesund und offen für all die wunderbaren Menschen und Erfahrungen.

    Sonja und Klaus

    • Liebe Sonja, lieber Klaus, immerhin empfinden wir inzwischen wieder die so sehr ersehnte Ruhe und Gelassenheit, dazu eine neue Erfahrung dadurch, dass ich mich in der fb-Gruppe „VW EuroVan Camper“ angemeldet habe und schon einige sehr nette Antworten quer über den ganzen Kontinent erhalten habe. Mit dem T4 von VW sind viele Amerikaner offensichtlich sehr verbunden, zumal auch Winnebago mit dem „Rialta“ und dem „Vista“ zwei Aufbauten im Programm hat, die auf dem T4 basieren. Ok, die verbauen zwar nur den Benziner mit 2,8l Motor aber immerhin…
      Von der herbstlichen (immer wärmer werdenden) Ostküste, aus North Carolina
      liebe Grüße Vero & Reiner

  4. Hallo liebe Vero, lieber Reiner, Eure Reiseberichte sind hochinteressant , entbehren doch nicht einer gewissen Dramatik. Weit weg von zu Haus in einem defekten Auto und keiner kann helfen. Puh, das wäre nichts für mich. Wir sind natürlich wieder auf dem Kiko, seit Ende September. Es ist herrlich warm und fast alle sind wieder da. Ab dem 1. Okt. werden alle Wege auf unserer Seite mit Verbundpflaster belegt. Es sollte nur einen Monat dauern, aber es wird wohl wieder eine Halbjahresarbeit werden. Brigitte und ich grüßen Euch ganz lieb und freuen uns auf den nächsten Bericht.

    • Liebe Brigitte, lieber Gerd, aus der Rückschau sieht alles viel leichter aus, kann ich Euch versichern… Inzwischen wissen wir und das ist doch ein eher positiver Aspekt, was Glühkerzen, Temperatursensor, -schalter, Kriechstrom, Minuspol und „Erde“ im Zusammenhang mit Batterie auf Englisch heißen.
      Wir freuen uns sehr, dass Ihr wieder glücklich auf KIKO angekommen seid und bitten Euch alle „BoulistInnen“ herzlich von uns zu grüßen.
      Liebe Grüße aus Virginia, Vero und Reiner
      PS. Wenn alles gut geht, die Reservierung steht, sehen wir uns in 2019 wieder…

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