Hinterland…

16. – 19. Oktober       Warwick Woods Campground, Elverson, Pennsylvania

Nachdem die letzten Wochen eher davon zwangsbestimmt gewesen sind, aus einem „kranken“ Auto wieder einen zuverlässigen Gefährten werden zu lassen und wir unsere amerikanisch/deutsche Verabredung mit Judy und Ed im tiefen New Jersey hatten, herrscht bei uns jetzt der starke Wunsch nach Alleinsein, eher bekannten und einfachen Zielen vor.
„Schon klar“, haben wir sinngemäß Anja und Dietrich in unserem letzten Kommentar geschrieben, „es kommt darauf an, egal wo man ist, was man mit seiner Zeit anfängt!“

Das uns zu ermöglichen, bestimmt immer wieder unsere Überlegungen seit wir „in Rente sind“:
Wozu haben wir im Moment gerade Lust?
Zur Zeit sind es in jedem Fall die ruhigen überschaubaren Gegenden, menschlichen Begegnungen und Erlebnisse, ohne jedwede Hektik.
Darunter verstehen wir zur Zeit auch, dass wir amerikanische  „Super-super“ Großstädte, die sich uns aus Werbebroschüren und Internetartikeln anpreisen, nicht vermissen.
Selbst die gegenwärtigen politischen Entwicklungen, für die ich mich immer sehr interessiert habe und die mich hier via Spiegel-Online, die Süddeutsche, die Zeit, die Neue Westfälische, die Tagesschau über „großspurigen“ US-amerikanische Präsidentschafts- oder Parteien- Twitterweisheiten auch erreichen (sollen), gehören zu den auf mein Gehirn auftreffenden, mich ziemlich gleichmütig lassenden Nebensächlichkeiten.

Diese seit Wochen unverändert, wunderbar herbstliche Stimmung!
Noch nicht abgeerntete Pflanzen, zum Beispiel der wie übriggeblieben aussehende Mais, verfallen zwar zusehends Richtung „irdene Färbung“, und trotzdem strahlt alles irgendwie noch vor dem Hintergrund dieses ungewöhnlich blauen Himmels „aus allen Knopflöchern“.

Der menschliche Wunsch nach Farben zeigt sich im Riesenangebot von Kürbissen und an den frisch blühenden Astern.
Auch in unseren Fotos.

Es lässt sich gut an. Alles hat sich inzwischen wieder zugunsten unserer eigentlichen Wünsche verändert. Wir bestimmen wieder ganz allein, zwar mit verringerter Restzeit bis wir in Florida sein wollen, dennoch wohltuend, wann wir nach wie vielen Kilometern wo sein wollen und welche Strecken, ergo auch Ziele sich wunschgemäß dafür besonders eignen:

Diese Prämissen erfüllt vorhergesehener Weise und frei nach dem Motto  – keine Überraschungen bitte mehr – Warwick Woods Campground PE, den wir schon kennen und wo es uns während unserer letzten Reise schon sehr gut gefallen hat: unkomplizierte Leute, herrlich ruhige Atmosphäre, keine Interstates, keine Eisenbahn, irgendwie alles ohne Anstrengung, ohne (nur selbst erdachte) Erwartungen.

Zwischendrin überkommt uns Sehnsucht nach Amish– oder wie es offiziell heißt Lancaster County.
Dieses Nebeneinander von einundzwanzigstem und neunzehntem Jahrhundert übt auf uns zweifellos eine Faszination aus…

Hier gibt es a special Dealership – Limousinen und Cabrios!

Gleichzeitig trifft der heutige Tag gut auf Vero’s Wunsch nach dem Besuch möglichst aller auf fünfzig Kilometern im Quadrat nirgendwo sonst in solcher Zahl zu findenden Quiltshops.
Ihr Herz entdeckt leicht, was es an Stoffen, Mustern, Farben, Designs begehrt.
Aus ihrem Taschengeldkonto ist längst ein Quiltkonto geworden. Ihre ungebrochene Leidenschaft, Quilts von Hand herzustellen, müssen wir unbedingt demnächst einmal „herumzeigen“. Es sind inzwischen auf unseren beiden Amerikareisen so viele schöne Produkte entstanden.

20. Oktober     Codorus State Park

Halloween mit seinen Geistergeschichten und -figuren kommt immer näher.

Im Übrigen, ist das hier hügelig!
Niemand denkt in irgendeiner Baubehörde dieses Landes darüber nach, Straßen möglichst eben durch die Landschaft zu führen. Sie verlaufen hier, zumindest in dieser „stadtlosen“ Gegend nicht quadratisch angeordnet, sondern eher so, dass sie die jeweils kürzeste Verbindung zwischen zwei und wenn vorhanden weiterer Nachbarn darstellen.

21. Oktober
Über Gettysburg, Pennsylvania durch Maryland bis zum Potomac River, an der Grenze nach Virginia erreichen wir Brunswick und den dortigen gleichnamigen Family Campground.

Präsident Lincoln soll doch tatsächlich etwas länger gewesen sein als ich es bin…
Er ist in jedem Fall für dieses Land ein ausgesprochen wichtiger, aber nicht bei allen Menschen gleichermaßen angesehener Zeitgenosse  gewesen und das hat er seinen damaligen BürgerInnen von hier aus, Gettysburg PE, ganz persönlich in einer kurz nach dem Civil War viel beachteten Rede näher gebracht. Hat nur einfach etwas länger gedauert als heutzutage, bis das alle auch wussten. Heute können wir den Inhalt in fast jedem historischen Museum der USA nachlesen. Lincoln hat sich wirklich gut gehalten.

Im Juli 1863 bekämpften sich hier zum Ende des Civil War die Grauen und die Blauen so heftig gegenseitig und hinterließen so viele Tote, dass der Friedhof der Gefallenen beider Seiten heute noch stadtähnliche Dimensionen ausmacht.
Das bis heute unübersehbare Ergebnis, nämlich der endgültige Zusammenschluss der Vereinigten Staaten von Amerika, ist teuer erkämpft…
Ganz nach US-amerikanischer Sitte wird der Stolz über das Ende dieses Kampfes bis heute hier nicht nur in zig Museen, sondern auch in mit Sinnbildern vollgestopften historic-Shops gezeigt und zum Kauf angeboten.  Uns hat allerdings ein Laden gereicht und nach Original Battle fields, auf deutsch „Schlachtfeldern“, war uns schon gar nicht zumute.

War schon ok., sich nochmal dieser blutigen Geschichte auszusetzen. aber das reicht jetzt auch.

Im übrigen zeigt sich hier in Gettysburg, dass wir die ganz große Neugierde über die Traditionen der US-Bürger wohl schon während unserer letztjährigen Reise befriedigt haben.
Mal sehen, was uns jetzt noch besonders antreibt.

Wir fahren weiter Richtung Süden und kommen zum, für deutsche Verhältnisse riesigen, Potomac River. Er markiert über eine lange Strecke die Grenze zwischen Maryland, am nördlichen Ufer und Virginia auf der anderen Seite.
Unser nächster Übernachtungsplatz Brunswick Family Campground, mit dem Städtchen Brunswick im Rücken, liegt direkt am nördlichen Flussufer. Wochenende heißt hier: alles besetzt, aber für unser kleines Auto findet sich noch ein Plätzchen, sogar mit „Landstrom“!

…über den Potomac, zack in Virginia.

22.-23. Oktober Small Country Campground, Luisa, Virginia VI

Es stimmt schon, dass wir uns in dieses ruhige Land wirklich verlieben können, wie es das Willkommensschild vorhersagt.
Wir stellen jedoch fest, wenn uns nächstes Jahr jemand nach unserem Campground in der Gegend von Luisa, VI fragt, wissen wir wahrscheinlich nicht mehr, wie es dort in den Einzelheiten ausgesehen hat. Es gibt einfach nichts besonders Spektakuläres, viel Grünes und landschaftlich Schönes, bis auf die vielen Zäune, die anders als in den New England States, die Grundstücke umrahmen.
Die Zäune müssen wir ja nicht gut finden, wir leben ja hier nicht dauerhaft und unser ausgeprägter Wunsch nach Freiheit bedarf keiner!

Es geht weiter…

24. – 25. Oktober nach North Carolina NC

Die Pflanzen auf den riesigen Feldern kündigen einen Klimawechsel an. Denn dort, wo Baumwolle angebaut wird, muss es wohl schon erheblich wärmer und manchmal auch etwas feuchter sein als in den klassischen Cornstaaten weiter nördlich. Haben mal die interessanten Anbaubedingungen unter Wikipedia nachgelesen. Finden wir sehr interessant  (https://de.wikipedia.org/wiki/Baumwolle#Anbaubedingungen)

Wer will, kann ja mal gucken…

Immer wenn wir uns der von Norden nach Süden verlaufenden Interstate 95 nähern, kommen wir in den Genuss besonderer Übernachtungsplätze. So wie dem RV Resort at Carolina Crossroad, Roanke Rapids North Carolina

„Lass uns diesen Pool genießen!“ So werden schnell aus einem Tag zwei, die wir schwimmender und ruhender Weise vorüberziehen lassen.

26. Oktober  Raleigh Oak RV Resort, Springfield North Carolina

Auch dieses für amerikanische Campgroundverhältnisse, und wir kennen inzwischen verdammt viele, saubere und besonders gepflegte RV Resort liegt an der vielbefahrenen Interstate 95. Aber noch einmal mehrere Tage am Stück zu verweilen, können wir uns wegen des Bouleturniers vom 10. bis 12. November auf Amelia Island Florida nach unseren bisherigen Routenüberlegugungen nicht leisten.

Im Übrigen kommt mir bei diesen Bildern wirklich das Schildescher Freibad meiner Kindheit wieder vor Augen. Ist ja über den Daumen nur 50-55 Jahre her.

27. Oktober  Bass Lake Campground, Dillon, South Carolina

Es kommt immer mal wieder die Frage zwischen uns auf, was an dieser Reise, die Ostküste der USA entlang, diesmal nicht die Küste nehmend, sondern eher den direkten Weg über Land zwischen Blue Rich Mountains und Atlantikküste, besonders ist? Die Attraktivität der Route kann es nicht sein…

Aber hier leben seit 150 Generationen bis heute MigrantInnen aus allen Kontinenten, viele aus Europa, die seit 400 Jahren das Land anderen schon vor ihnen hier lebenden Menschen abgekauft, gestohlen oder abgetrickst haben in großer Zahl. Dazu kommen jede Menge Afro-AmerikanerInnen, die hierher verschleppt wurden oder von denen einige sich im Laufe der Zeit wegen fehlender Überlebensaussichten in ihren afrikanischen Herkunftsländern auch „freiwillig“ hierher begeben haben. Sie alle fühlen sich hier Zuhause.

Für uns, die wir diesen Kontinent wieder verlassen werden, ist auch diese Nord-Südreise durch den nicht so spektakulären Teil des Landes ein „Zwischendurch“-zuhause geworden.
Denn Campingleben in Nordamerika, egal wo, ist für unser Gefühl das unumstrittene „Original“ des nomadischen Anteils der wegen Arbeit und Geldverdienens mehr oder weniger zur Seßhaftigkeit gezwungenen erwachsenen Generationen der Industrienationen.

So, jetzt fahren wir gerade über die „Grenze“ nach South-Carolina.

Wir empfinden es einfach als Privileg, dass wir uns „abseilen“ dürfen, wohin auch immer… Das musste jetzt sein.

Ob in dem See wirklich Aligatoren leben? Jedenfalls sichert das Schild den Campingplatzbesitzer gegen mögliche Regressansprüche wegen apper Beine oder so…

Es bleibt unser herrliches Rentnerleben, mit ‚Tun, wozu wir Lust haben und Essen, was uns schmeckt…‘
Von nebenan kommt ein Nachbar in seinem Golfcart, der bei uns am Kocher hält:

Unsere italienisch anmutende Bolognese Sauce mit ground beef duftet offensichtlich über den ganzen Platz:
„It smells so good all over? What are you cooking?“

3 Gedanken zu “Hinterland…

  1. Lieber Alfred, wir wissen, Du genießt Deine Und Eure Zeit wie wir unsere.
    Danke für Deine Empfindungen zu unserer Geschichte.
    Herzliche Grüße nach Europa…
    Vero und Reiner

  2. Diese Mischung in deinem blog aus wunderschönen Bildern , Informationen über Land und Leute und deinen fast philosophischen Betrachtungen , einfach toll. So ein bischen neidisch werden könnte man schon , aber wir können ja über deine Berichte fast dabei sein ; herzlichen Dank und weiterhin viel Freude und Glück..

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s